Durchblick IV am Samstag, 7.12.2019

An die Performance-Serie sollen sich Gespräche und Diskussionen anschließen, wodurch das, was in den Rezipienten in Bewegung und Resonanz geraten ist, in einem weiteren „Klangraum“ nachklingen und nachwirken kann.

 

 

Die BÜCHERWAND ist Gegenstand und Metapher zugleich, denn sie versinnbildlicht eine Mauer, wie sie normalerweise aus Beton, Stein oder anderen Materialien hergestellt werden würde. Sie zeigt sich zunächst als eine nicht verschiebbare, undurchdringliche und verschlossene, dichte Frontfläche. Ausgerichtet ist diese ‚Bücherwand‘ vertikal. Sie ruft auch die Vorstellung hervor, machtlos einer Begrenzung gegenüber zu stehen oder einer Unveränderlichkeit ausgeliefert zu sein. Sie veranschaulicht allein schon in ihrer Begrifflichkeit „Wand“ ein Gefühl der Bedrohung, da sich der Zukunft die Freiheit zu entziehen scheint.

Doch die zu sehende Wand bzw. Mauer besteht in diesem Fall aus Büchern. Eine Bücherwand. Und eben gerade die Interaktion mit Büchern führt Menschen zusammen, denn Bücher sind Vermittler von Sprachen und Kulturen, erzählen Geschichten, machen neugierig und berühren zugleich – und sie bilden. Daher regt eine Wand aus Büchern Akteur*innen einer werdenden sozialen Plastik zu Nachdenklichkeit und Reflexionen an. Sie fordert dazu heraus, querzudenken, und macht Mut, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen.

Eine zweite Bedeutungsebene findet sich in der künstlerischen Metapher der aneinandergereihten, bunten Buchrücken: Die scheinbar undurchdringliche Wandfläche symbolisiert zugleich als Farbflash die Vielfalt und Buntheit menschlichen Lebens und Menschseins. Unterschiedlichen Buchformate, Autoren, Verlage und Fraben stehen für gelebte Individualität.

„Durchblick4“ ist die vierte Folge einer durchplanten Serie von Performances im öffentlichen Raum. Mit unterschiedlichen Formaten und Themen soll die jeweilige Performance Menschen mitten im alltäglichen Leben und durch das Interagieren mit dem scheinbar alltäglichen Gegenstand Buch erreichen.

 

  1. (Inter-) Aktion am Samstag, 7.12.2019 – Zeitraum: 9:30 – ca. 13:30 Uhr

Menschen / Gäste / Besucher und der Künstler bringen Bücher mit. Diese werden auf dem Platz des Einkaufszentrums Landwasser zwischen der Hausfassade und einem der davor in Reihe stehenden Betonfeiler im überdachten Gang vertikal aufgereiht und nehmen dabei eine Breite von über 270 cm ein. Die gestapelten Bücherreihen sollen eine Höhe von ca. 200 – 230 cm erreichen.

 

  1. Interaktion: „Beschreiben der Bücher“ – Zeitraum: 13:30 Uhr – 14:00 Uhr

Die Buchschnitte (unbedruckte Fläche der Seitenränder geschlossener Bücher) der vielen, gestapelten Bücher, die eine Wand bilden, können nun von jenen Menschen beschrieben werden, die über den Platz laufen oder am Kunstwerk verweilen. Hierfür werden Farbtintenstifte bereitgestellt. Diese Beschriftungen erzählen weitere, neue Geschichten: Jene der vorbeilaufenden und vorbeiziehenden Menschen. Damit werden sinnbildlich die bisherigen Inhalte der Buchautor*nnen ‚überschrieben‘,  weitergeschrieben bzw. ergänzt und erweitert.

 

  1. Aktion „Durchbruch“ – Zeitraum: 14 – 14:15 Uhr

Der Künstler Alfonso Lipardi wird sich bei der Hauptperformance unter vollem Körpereinsatz von hinten durch die Bücherwand werfen und so die „Mauer“ (in Richtung zu den Betrachter*innen hin) durchdringen und druchbrechen. Dabei werden die Bücher durch die so entstehende Aufprallkraft mit einer enormen Wucht und in den öffentlichen Raum geschleudert. Sicherheitsvorkehrungen sind entsprechend gewährleistet. Der so gewonnene, plötzliche “Durchblick”, eröffnet einen weiteren Raum, jenen „hinter“ der Wand, und versinnbildlicht solchermaßen die fortwährende „Freiheit“, Perspektiven zu verändern. Immer wieder wandeln sich durch nachfolgende Aktionen die Wahrnehmungen der Betrachterinnen und Betrachter von ihrem Umfeld vor Ort, wodurch das äußere Räumliche als großes Ganzes eingebunden wird und „Wände“ als eine Frage der Perspektive veranschaulicht werden.

 

  1. Interaktion – Zeitraum: 14:15 – 14:30 Uhr

Den Beobachter*innen und Passant*innen werden am Boden die verstreuten Bücher als ein Bild des Chaos‘, voller Emotionalität und mit dem Hinweis auf die dahintersteckende Durchdringungskraft wahrnehmen und so das Ungewohnte in der zuvor dargebotenen und bekannten Ordnung hervorgehoben erleben.

Besucher*innen, jung wie alt, wie auch der Künstler Alfonso Lipardi heben in diesem weiteren Interaktionspart jeweils irgendeines der herumliegenden Bücher auf und beginnen laut daraus vorzulesen. Wichtig ist hier die Repetition des Überraschenden, des Zufälligen und somit Unbekannten, denn weder der Künstler noch die Partizipierenden wissen, was in den Büchern stehen wird, welche Geschichten hier zutage treten.

Durch das gemeinsame Vorlesen entsteht eine faszinierende sprachsinnliche Laut-Lyrik. Sätze reihen sich aneinander, verschieben sich ineinander, lassen neue Sinngebilde entstehen. Inhaltliches nimmt sich zurück, stattdessen treten Klang, Sound und Ton durch die Wort- und Textphrasen in den Vordergrund.

Damit erreicht die Performance-Serie einen weiteren Höhepunkt, weil die scheinbar schweigenden Geschichten der Bücher, aber auch die Worte der Passant*innen, die auf die Buchrücken notiert wurden, eine raumfüllende Expressivität erhalten. So kommt unmittelbar zu Gehör, was zuvor durch die Bücherwand verschlossen war.

An die Performance-Serie sollen sich Gespräche und Diskussionen anschließen, wodurch das, was in den Rezipienten in Bewegung und Resonanz geraten ist, in einem weiteren „Klangraum“ nachklingen und nachwirken kann.

Durch das Mitwirken der Menschen und Gäste vor Ort wird das gesamte Kunstprojekt zu einer sozialen Plastik.

Die Interaktion zwischen der Kunstinstallations-Performance, der Umgebung und den Menschen, die von Betrachtern wahlweise zu Akteuren – zu Lesenden, Zuhörenden – und wieder zu Betrachtern werden, bringt spontane, unvorhersehbar-explorative und spannende Aktionen hervor und lässt dadurch zeitgleich neue, ungeplante soziale Plastiken entstehen. In solchen Momenten schließlich verschmelzen Künstler, Betrachter und Objekt zu einem einzigen Kunstwerk.